
Herr Mery, vielen Dank, dass Sie Sich die Zeit für uns nehmen.
Keine Frage - es ist mir daran gelegen, unsere Vorhaben für die Zukunft einmal vorzustellen. Die Gründung der Berliner Gruppe des Verein der Familien Union e.V. ist ja gerade erst erfolgt und somit muss erst einmal definiert werden, was die dringlichsten Aufgaben sind und in welche Richtung unsere Bemühungen gehen werden.
Zunächst haben wir aber eine Frage nach Ihrer persönlichen Situation: Sie sprechen akzentfrei Deutsch - wie lange leben Sie schon in Deutschland?
Fast dreißig Jahre ist es mittlerweile her, dass ich nach Deutschland gekommen bin. Das war 1981. Da habe ich zunächst in Wolfenbüttel gelebt und in dieser Zeit habe ich eine Firma gegründet, die mit Kosmetik- und Parfumartikeln handelt. Die Firma hat mittlerweile stark expandiert und die Beziehungen sind immer internationaler geworden. Daher ist die Firma dann 2001 nach Berlin gezogen. Seitdem lebe auch ich mit meiner Familie dort.
Sie haben jetzt die Berliner Gruppe des Verein der Familien Union e.V. mitgegründet. Wie kam es dazu? Gab es in Berlin gab es keine Organisation von Menschen aus dem Libanon?
Nicht in dem Sinne, wie es der Verein der Familien Union e.V. ist. Ich kenne viele aus den Familien des Vereins und habe so auch von dem Verein und den Aktivitäten des Vereins im Ruhrgebiet gehört und das Geschehen aufmerksam mitverfolgt. Dann war der Vorstand der Familien Union e.V. kürzlich in Berlin und es hat einige Gespräche mit den Berliner Familien gegeben, an denen auch ich teilnahm. Der Anstoß, eine Berliner Gruppe zu gründen fand durchweg eine positive Resonanz und ich freue mich sehr, dass es jetzt auch in Berlin eine Gruppe gibt, die die libanesischen Familien repräsentiert und auf allen Ebenen unterstützt.
Auf allen Ebenen: wie meinen Sie das?
Da ist zunächst mal der Aspekt der Unterstützung unserer Kinder und Heranwachsenden. Ich habe selbst sieben Kinder und ich weiß, wie wichtig Bildung ist, um im späteren Leben eine Chance darauf zu haben, einen Platz in dieser Gesellschaft zu finden. Das ist der zentrale Punkt. Dazu ist eine Förderung unbedingt notwendig und es gilt auch, Bedingungen zu schaffen, dass die Kinder angstfrei aufwachsen können und eine Perspektive für sich sehen. Angstfrei, damit meine ich auch: frei von der Angst, dass jederzeit die Familie auseinander gerissen werden kann, weil viele in den Familien nur einen Duldungsstatus haben und jederzeit mit einer plötzlichen Abschiebung rechnen müssen. Da muss auf politischer Ebene eine Lösung gefunden werden. Das ist auch der Grund, warum wir Kontakt zu den Behörden suchen - es muss ein Dialog darüber in Gang kommen. Dass unsere Kinder eine Perspektive für sich sehen, ist leider keine Selbstverständlichkeit. Das ist aber auch verständlich, wenn man die Lebenssituation vieler libanesischstämmiger Jugendlicher in Berlin sieht.
Dann gibt es in Berlin schon seit längerem ein Projekt Stark ohne Gewalt, das wir unterstützen wollen. Es ist nicht zu leugnen, dass es auch in den libanesischen Familien Probleme mit Jugendkriminalität und Gewalt gibt und wir wollen auch auf diesem Feld unsere Verantwortung wahrnehmen. Die Aktivitäten sollten allerdings vor Allem in eine positive Richtung gehen, ob es sich um die Gründung eines Fußballvereins handelt oder auch um eine Pfadfindergruppe, wie es das im Ruhrgebiet ja schon gibt. Das halten wir für vorbildlich und werden das auch in Berlin umsetzen. Auch die Frauen brauchen Unterstützung und vor Allem auch den Austausch untereinander. Ich bin stolz, dass eine meiner Töchter derzeit die Gründung einer Frauengruppe in der Berliner Gruppe mit vorbereitet. Ganz wesentlich, und das geht durch alle Altersschichten, ist Sprachförderung. In sprachlichen Problemen ist die Abgrenzung vieler aus dem Libanon stammenden Menschen begründet und dem wollen wir aktiv entgegentreten. Eine Schule oder anderweitige Kursangebote sind hier schon in der Diskussion.
Aber steht vielen Zielen des Vereins nicht das Duldungsproblem, was viele in diesen Familien haben, entgegen?
Das stimmt. Es ist ein riesen Problem für die Familien mit libanesischem Hintergrund. Wenn die Familienmitglieder eine Aufenthaltsgenehmigung haben oder auch die deutsche Staatsangehörigkeit, dann sehen sie auch Chancen für sich in dieser Gesellschaft und es ist logisch, dass sie sich dann auch einsetzen für diese Gesellschaft. Dann sind die Menschen mit Herz dabei. Wenn sie das aber nicht haben, ist die Gefahr groß, dass ihnen dann auch alles andere um sie herum egal ist. Da ist es einfach wichtig, dass wir mit der Politik in's Gespräch kommen. Dieser Zustand, in dem viele sich befinden ist einfach untragbar. Das ist schon lange das Problem der Familien: ob in der Türkei, Syrien oder dem Libanon: nirgendwo haben wir Rechte gehabt und das schon seit Generationen. Es ist einfach an der Zeit, dass sich hier etwas ändert. Viele der nachkommenden Generationen werden in den nächsten Jahren volljährig und sie sind hier aufgewachsen. Sie müssen ein Wahlrecht haben.
An welcher Stelle wollen Sie denn ansetzen, um in den vielen Bereichen, die Sie genannt haben, etwas zu bewegen?
Es ist uns klar, dass das ein langer Weg ist, den wir vor uns haben. Zunächst halte ich es für unabdingbar, dass die Familien sich untereinander vernetzen, um sich so gegenseitig Unterstützung zu geben. Nur mit einer von allen mitgetragenen gemeinsamen Stimme haben wir auch ein Gewicht. Gerade im politischen Feld ist mit schnellen Erfolgen nicht zu rechnen, aber jeder Schritt nach vorne ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir können einfach nicht warten und tatenlos zusehen, wie zum Beispiel unsere junge Generation ohne echte Chancen in diese Gesellschaft hineinwächst. Wir müssen ihnen Zugang zu Bildung verschaffen. Ein Anfang ist gemacht und ich habe dafür gesorgt, dass es Platz gibt für die Aktivitäten des Vereins in Berlin. Diese Chance sollten wir alle gemeinsam nutzen.
Herr Mery, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview wurde geführt von Christian Brand